Fachkräftemangel bedroht Standort Deutschland
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Fachkräftemangel bedroht Standort Deutschland
von redaktion am 03.11.2010 11:11
Fachkräftemangel bedroht Standort Deutschland
Berlin (rdp) 02. November 2010. Deutschland genießt als Hochtechnologiestandort international höchstes Ansehen: Die Manager von 1200 forschungs- und entwicklungsintensiven Unternehmen aus aller Welt stufen in einer aktuellen Befragung den „Standort D“ nach den USA und neben Japan als eines der drei führenden Länder in Technologiefeldern wie Pharma- und Biotechnologie, Nanotechnik, Luft- und Raumfahrt oder Informationstechnik und Elektronik ein. Als Lieferant solcher Technologien landet die deutsche Wirtschaft sogar auf dem zweiten Platz nach den USA. Die Kehrseite der Attraktivität Deutschlands: Unternehmen aus aller Welt rekrutieren zunehmend deutsche Top-Fachkräfte. Da deutsche Unternehmen im Gegenzug kaum ausländische Fachkräfte anwerben, droht der deutschen Wirtschaft ein gefährlicher Verlust an Knowhow – mittelfristig könnte die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Hightech-Standort in Gefahr sein. Das sind Ergebnisse der Studie Titel
„Technologie, Talente und Toleranz– Wie zukunftsfähig ist Deutschland?“
der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young.
Die weltweit führenden Standorte für Spitzentechnologien sind aus Sicht von 81 Prozent der Befragten die USA, gefolgt von Japan (51 Prozent) und Deutschland (46 Prozent). China wird nicht mehr als verlängerte Werkbank des Westens angesehen, sondern zunehmend auch als Hightech-Standort: mit 27 Prozent kann sich China im weltweiten Ranking auf dem vierten Rang platzieren. Mit Ausnahme von Deutschland spielen europäische Länder im Ranking nur eine untergeordnete Rolle.
„Dieses für Deutschland hervorragende Ergebnis darf uns aber nicht dazu verleiten, uns auszuruhen“ mahnt Peter Englisch, Partner bei Ernst & Young. „Denn Deutschland ist auf eine einzige Ressource angewiesen: die Intelligenz seiner Menschen. Und hier weist die Studie bereits auf nahende Engpässe hin.“ Zwar hält nahezu die Hälfte der befragten Unternehmen in Deutschland die Verfügbarkeit hoch qualifizierter Fachkräfte im Inland noch für gut – als schlecht wird sie insgesamt nur von jedem Fünften bezeichnet. Aber beinahe zwei Drittel der Manager sehen bereits einen gravierenden Engpass im Bereich der Forschung und Entwicklung, gefolgt von Projektentwicklung und Konstruktion (41 Prozent).
Bei näherem Hinsehen erweist sich zudem, dass speziell die kleinen und mittleren Firmen, die wesentlich zur Innovation beitragen, bereits Schwierigkeiten haben, Spezialisten zu rekrutieren. So klagen 71 Prozent der Unternehmen mit Umsätzen bis zu 150 Millionen Euro über eine schlechte Verfügbarkeit von Fachkräften, in der Gruppe mit Umsätzen zwischen 150 Millionen und 1,5 Milliarden Euro sind es ebenfalls schon 37 Prozent. „Es gibt zu denken, dass gerade das kreative Mittelfeld – unsere Nischen-Weltmarktführer – vor dem Riesenproblem steht, seine Innovations- und damit Zukunftsfähigkeit in Gestalt von Köpfen langfristig zu erhalten“, merkt Englisch an. „Die multinationalen Großkonzerne haben da weniger Schwierigkeiten. Sie betreiben das Global Sourcing inzwischen auch für Talente.“
Deutsche Unternehmen rekrutieren kaum im Ausland
Mit dem Einsatz internationaler Spezialisten tun sich deutsche Firmen insgesamt noch recht schwer. Nur bei jedem vierten deutschen Unternehmen stellen Fachkräfte aus dem Ausland mittlerweile eine gewichtige Gruppe unter den hoch Qualifizierten dar. Mit ihrem geringen Anteil ausländischer Fachkräfte liegen die deutschen Unternehmen im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld. Deutlich weltoffener präsentieren sich die Unternehmen in Großbritannien, wo gut drei Viertel der Firmen ihre ausländischen Spezialisten als „große Gruppe“ einstufen, dicht gefolgt von den USA (74 Prozent), Irland (63 Prozent) und Kanada (60 Prozent).
„Anscheinend ist es in vielen – unternehmerischen wie politischen – Köpfen noch nicht so richtig angekommen, dass sich auch die Personalpolitik gegenüber dem Ausland öffnen muss“, vermutet Englisch. „Doch unser Wohlstand fällt nicht vom Himmel. Wollen wir unsere Ingenieurskraft und damit unseren technischen Vorsprung in wichtigen Feldern erhalten, brauchen wir neue, junge Talente, die wir im Inland nicht mehr in ausreichender Menge finden werden.“ Wichtig sei es, ein Umfeld zu schaffen, das den Standort Deutschland für diese jungen Talente attraktiv mache. Dabei gehe es weniger um Gehälter und rechtliche Rahmenbedingungen als um die gesellschaftliche Toleranz und Akzeptanz. „In diesem Punkt ist auch die Politik gefragt. Da fehlen klare Signale, die höher qualifizierten Ausländern vermitteln, dass sie bei uns willkommen sind“, bemängelt Englisch.
Ausländische Unternehmen schätzen deutsche Fachkräfte
Woher die Nachwuchs-Spezialisten in Zukunft kommen werden, darüber haben die internationalen Manager recht klare Vorstellungen. Größter „Lieferant“ von hoch Qualifizierten wird nach Einschätzung von 59 Prozent der Befragten China sein, dicht gefolgt von den USA (58 Prozent) und Indien (51Prozent). Unmittelbar nach diesen bevölkerungsreichsten Ländern der Welt folgen bereits Deutschland (28 Prozent) und Japan (19 Prozent). Deutschland liegt damit deutlich vor den anderen europäischen Ländern. Schon heute zählt es zu den Ländern, in denen die Unternehmen vieler anderer Nationen bevorzugt Fachkräfte rekrutieren. So geben die Unternehmen in den Niederlanden und der Schweiz sogar an, bevorzugt in Deutschland nach hochqualifizierten Mitarbeitern zu suchen – stärker sogar als im eigenen Land.
Wenn Deutschland verstärkt Top-Talente ans Ausland verliert, im Gegenzug aber kaum ausländische Spezialisten nach Deutschland kommen, drohe ein gefährlicher „Brain Drain“, so Englisch: „Die Umfrage bestätigt die Gefahr, dass die Experten-Wanderung zur Einbahnstraße gerät.“ Und er fragt: „Blutet der Innovationsstandort Deutschland aus, wenn wir immer mehr Top-Fachkräfte an ausländische Konkurrenten verlieren?“.
Deutschland bietet tolerantes aber wenig innovationsfreundliches Umfeld
Zwar bescheinigen zwei Drittel der ausländischen Führungskräfte Deutschland eine hohe gesellschaftliche Aufgeschlossenheit und Toleranz: In der Rangliste der tolerantesten Länder liegt Deutschland auf dem zweiten Platz, mit erheblichem Abstand nach den USA, aber knapp vor Großbritannien. Doch als attraktiv für Unternehmen sehen den Standort nur 40 Prozent an, eine starke Anziehungskraft für Talente kann nur jeder Dritte erkennen. Und nur jeder Vierte mag Deutschland eine gewisse Anziehungskraft für Weltklasse-Cluster attestieren, für internationale Forschungs- und Entwicklungsverbünde auf höchstem Niveau.
International erfreuen sich denn auch vor allem die technischen Fähigkeiten der Deutschen größter Beliebtheit. Auch das bescheinigt die Studie: 90 Prozent der Befragten finden das deutsche technische Know-how attraktiv, 73 Prozent die Innovationsfähigkeit und 69 Prozent das kreative Potenzial der Deutschen. Dieses Urteil deckt sich erstaunlicherweise mit der Selbstwahrnehmung der deutschen Unternehmen. 74 Prozent von ihnen schätzen die eigene Innovationskraft im Vergleich zu Mitbewerbern als überdurchschnittlich ein. Ein so großes Selbstbewusstsein zeigen sonst nur noch die Amerikaner.
Eine um sich greifende Technologie- und Innovationsfeindlichkeit in der Gesellschaft könnte aber die Attraktivität Deutschlands gefährden. So finden nahezu zwei Drittel der deutschen Manager, dass ihre Landsleute gegenüber Zukunftstechnologien wie der Nano- oder der Gentechnik nur wenig aufgeschlossen sind, 53 Prozent halten sie für ablehnend gegenüber Neuem und Anderem. Immerhin vermuten sie nur noch bei 38 Prozent eine geringe Toleranz gegenüber ausländischen Mitbürgern und Immigranten. „Auch diese Quote ist noch zu hoch, wenn wir für ausländische Spitzenkräfte attraktiv sein wollen“, befindet Englisch.
Erstaunliche Abweichungen zwischen Deutschland und dem Rest der Welt ergeben sich bei der Gewichtung der verschiedenen Forschungsbereiche als „Schlüsseltechnologien“. Während die deutschen Manager die Informations- und Kommunikationstechnik sowie die Technologien rund ums Internet deutlich geringer bewerten als der Rest der Welt, gewichten sie Mikro- und Nanotechnik, Biotechnologie und Pharma, Neue Werkstoffe und Produktionstechnik, Chemie und Medizintechnik sichtlich höher als der weltweite Durchschnitt. Völlig einig mit ihren Kollegen im Ausland sind sie lediglich in der Einstufung der erneuerbaren Energien und der Solartechnik.
„Die Mehrheit der deutschen Unternehmen ist offenbar stark ingenieur-technisch ausgerichtet. Mit immateriellen Konstrukten wie dem Internet können sie augenscheinlich nicht so viel anfangen. Aber sie müssen aufpassen, dass sie im Feld der Informationstechnik, in der zentralen Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, nicht den Anschluss verlieren und abhängig werden von den Ideen ihrer ausländischen Konkurrenten“, warnt Englisch. „Wie schnell man im Wettbewerb an Boden verlieren kann, sehen wir in der Solartechnik. Hier machen vor allem asiatische Unternehmen den einstigen deutschen Markt- und Technologieführern inzwischen ihre Spitzenpositionen streitig“.
„Die deutschen Unternehmen haben zwar in der Krise ihre Hausaufgaben gemacht und damit das Fundament für den gegenwärtigen Aufschwung gelegt“, fasst Englisch zusammen. „Aber wir müssen diese aktuelle Stärke erhalten, indem wir auf langfristige, nachhaltige Themen setzen. Und eine der wichtigsten Aufgaben – nicht zuletzt auch für die Politik – wird es sein, Deutschland als attraktiven Standort für neue Talente zu positionieren, um die eigenen Spitzenkräfte im Lande zu halten und weitere aus dem Ausland hinzu zu gewinnen.“


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