Die KettenReaktion von München
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Die KettenReaktion von München
von redaktion am 10.10.2010 16:13
Die KettenReaktion von München
von polis-Mitglied phantadu

Ich wusste es irgendwie schon wochenlang: Am 9 ten Oktober, dem Tag der Aktions- und Menschenkette gegen die Atomlaufzeitverlängerung, würde die Sonne scheinen. So gab ich schon vor Wochen bei meinen Einladungen eine Schönwettergarantie mit. Umso mehr freute es mich, dass nach Wochen trüben Wetters der Himmel dann tatsächlich strahlend blau war.
Ich traf mich mit den aktiven Atomkraftgegnern von Ohu am Königsplatz. Dort war der Sammel-Treffpunkt für die Zugereisten.
Eine Gruppe nach der anderen trudelte mit Fahnen, Transparenten, selbst gebastelte Plakate, Atommüllfässer-Trommeln, Trillerpfeifen, Vuvuzelas und Alm-Kuhglocken ein, sodass sich, zu unser aller Freude, der Platz schnell füllte.
SPD, Grüne, die Linke, Piratenpartei, ÖDP, freie Wählern, Gewerkschaften, Müttergruppen, alle möglichen Umwelt-und Antiatomverbände hatten sich dieser Veranstaltung angeschlossen und erfolgreich mobilisiert. So gut wie jeder Demonstrant trug Zeichen des Protests: „Atomkraft nein Danke“-T-Shirts, Buttons, Bänder, bemalte Gesichter. Einer hatte hinten auf seinem guten Anzug ein weißes Din A4-Blatt fixiert, mit der Aufschrift: Früher war ich CSU-Wähler.
Das ließ uns besonders schmunzeln, denn was haben wir Atomkraftgegner uns Jahrzehnte lang mit den C-Treuen auseinandergesetzt und wurden doch nur als linke Spinner und grüne Chaoten abgetan. Und nun demonstrieren ganz offensichtlich sogar Leute mit uns, die gewiss nicht im Verdacht stehen, linke Berufsdemonstranten zu sein. Wie schön!
Um 13 Uhr begannen die Eröffnungsreden. Jede Partei und Gruppierung durfte jeweils einen Vertreter zwei Minuten lang reden lassen. Dabei fiel mir etwas sehr erfreulich auf. Auch die verschiedenen Parteien beschenkten sich gegenseitig mit beherztem Applaus. Da war endlich das lang ersehnte Bewusstsein zu spüren, dass wir nur etwas erreichen können, wenn wir alle wirklich zusammenhalten und parteiübergreifend gegen diese verheerende Lobbypolitik der schwarz-gelben Regierungen von Bund und Bayern aufbegehren.
Nach den Eröffnungsreden und künstlerischen Darbietungen ging es los. Inzwischen war der gesamte Platz gerammelt voll, also bewegten wir uns nur in Trippelschritten voran, um mit den Demonstranten von den anderen zentralen Treffpunkten für die Menschenkette zusammenzustoßen. Laut war es und von überall kam immer wieder der rhythmische Ruf. „Ab-schal-ten!, ab-schal-ten!, ab-schal-ten!!!“Dazu das Klatschen, die Trommeln und die Tröten.
Schnell stellten wir fest, dass viel mehr Menschen gekommen sein mussten, als von den Veranstaltern erwartet worden war, denn schon nach etwa einem Kilometer hieß es für alle „Stehenbleiben“. Ja, und dann war es so weit. „Noch zwei Minuten, bis zur Menschenkette“, raunte es durch die Menge. Da wir so viele waren und auch so dicht in der Breite zusammenstanden, war eine Verkettung querbeet nötig. So bildeten sich Kreise und Ketten in den Ketten, die schließlich zur 10 Kilometer langen Menschenkette verschmolzen. Das war ziemlich lustig und hat trotz des ernsten Anlasses einfach nur Spaß gemacht. Partystimmung pur!!!
Die Freude darüber war in jedem Gesicht zu lesen. Die Arme schwenkten hoch und wieder runter und ein kollektives und sich ständig wiederholendes „Abschalten!“ hallte mit Trommeln und anderen Geräuschmachern durch die Straßen. Minuten lang hielten wir uns so an den Händen fest und ließen diese Energie der großen Verbundenheit durch uns fließen. Diese Einheit und Begeisterung so vieler Menschen war einfach nur noch toll.
Menschenketten sind wirklich immer etwas ganz Besonderes. Wann ist man schon mit so vielen Menschen so unmittelbar verbunden? Und es war nicht zu übersehen, dass es um weit mehr als diese Atomlaufzeitverlängerung ging, sondern dass dies ein unmissverständliches Zeichen war, dass wir uns diese Politik gegen das Volk nicht mehr länger gefallen lassen wollen! Dies, so hieß es aus voller Überzeugung, sei erst der Anfang des Widerstandes.
Während wir dann in Richtung Abschlusskundgebung zum Odeonsplatz schritten, fiel uns erst auf, dass kein Hubschrauber diese 10 Km abgeflogen war. Ein Luftfilmchen hätte sich doch sicher gut in den Nachrichten gemacht, und die Medien sind doch auch sonst immer so scharf auf gute Bilder. Aber das war wohl der bayrischen Staatsregierung angesichts der großen Menge an Demonstranten doch ein zu großer Dorn im Auge. Ist ja auch logisch, schließlich wird in Bayern 30% des deutschen Atomstroms erzeugt. Natürlich ist da das Interesse der bayerischen Staatsregierung an den Laufzeitverlängerungen im Sinne ihrer Klientel besonders groß, und so wunderte es auch niemanden wirklich, dass die Teilnehmerzahl so deutlich heruntergespielt wurde. Nach Angaben der Polizei seien es nur etwa 23000 Demonstranten gewesen, während die Veranstalter und alle, die es selbst miterlebt haben, von weit mehr als 50000 Beteiligten ausgehen können.
Auch der ewige Klassenprimus Bayern wird diese kraftvolle Bewegung nicht mehr stoppen können. Im linksfreien Raum war bisher gut Geschäftchen machen. Aber auch wenn Herr Seehofer, just am selben Tag ins ultrarechte Rohr blies und massiv Stimmung gegen muslimische Migranten machte, um vermutlich von seiner verheerenden Lobbypolitik abzulenken, wird ihm das diesmal nicht gelingen. Wir haben jetzt auch in Bayern ein großes Zeichen gesetzt und werden mit unseren Forderungen nicht mehr ruhen.
Atomkraft nein Danke!
Abschalten!!!


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