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Lamers bereit zu Aufnahme Mubaraks
von redaktion am 07.02.2011 09:18
Lamers bereit zu Aufnahme Mubaraks
Berlin/Berlin (rdp/ots) - Der CDU-Außenpolitiker Karl Lamers ist grundsätzlich offen für eine Aufnahme des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak in Deutschland. "Wenn es denn hilft, sind wir sicher dazu bereit", sagte er dem Berliner "Tagesspiegel" (Montagsausgabe). Lamers hat seinen Wahlkreis in Heidelberg, wo die Klinik liegt, in der Mubarak bisher regelmäßig untersucht und behandelt wurde. Der Grünen-Verteidigungspolitiker Omid Nouripour machte dagegen mit einem knappen Wort deutlich, was er von der Idee eines Exils für Mubarak in Deutschland hält: "Nix", sagte er der Zeitung.
Nicht ob - sondern wann - polis-Presseschau
von redaktion am 07.02.2011 08:49
Presseschau vom 7.02.2011

Protestler und Militär auf dem Tahrir-Platz (am späten Sonntag): "Wir werden den Platz nicht verlassen"
Nicht ob - sondern wann
In Ägypten verhandeln Regierung und Opposition über die Zeit nach Mubarak. Es geht nicht mehr darum, ob der Diktator seinen Hut nimmt, sondern wann. Während die, vor allem jungen, Demonstranten auf dem Tahrir-Platz ausharren, wird ein vages Bild der „nächsten Schritte“ erkenntlich.

fr-online.de
Die Suche nach einer Zukunft
Die Säulen der Macht in Ägypten wanken: Die alte Parteispitze um Mubarak ist abgetreten. Regierung und Opposition sprechen miteinander. Der jahrzehntelange Ausnahmezustand könnte bald enden. Doch das Volk ruft weiter: Mubarak muss weg. …

faz.net
Muslimbrüder und das alte Regime verhandeln in Kairo
… Das staatliche Fernsehen berichtete, Suleiman und die Opposition hätten sich auf die Einsetzung eines Ausschusses geeinigt, der eine Verfassungsreform ausarbeiten solle; es seien Optionen für freie und faire Präsidentenwahlen erörtert worden. Die Opposition dringt vor Neuwahlen auf eine Änderung der Verfassung. Nach den Gesprächen äußerten Oppositionspolitiker, sie zweifelten am guten Willen der Regierung. Ein Sprecher der Muslimbrüder sagte dem Nachrichtensender Al Dschazira, man könne bislang nicht von Verhandlungen sprechen. …

spiegel.de
Militär bläst Räumung des Tahrir-Platzes ab
… Es ist ein friedlicher Etappensieg für Ägyptens Demonstranten: Das Militär hat in der Nacht zum Montag einen Versuch abgebrochen, den Tahrir-Platz in Kairo zu räumen. Nach Sonnenuntergang schossen die Soldaten in die Luft, um die Menschenmenge zu vertreiben. Als die Protestler nicht wichen, gaben die Truppen das Vorhaben auf. "Der Feigling ist ein Feigling und der Mutige ist ein Mutiger und wir werden den Platz nicht verlassen", sagte der 20-Jährige Demonstrant Sameh Ali. …

taz.de
Die Nach-Mubarak-Zeit hat begonnen
… Noch etwas haben die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz erreicht. Das findet aber noch hinter den Kulissen statt. In den Gesprächen zwischen Opposition und Vizepräsident Omar Suleiman geht es längst nicht mehr um die Frage, ob Mubarak abgelöst wird, sondern um die Frage, was nach ihm kommt. Teile der Opposition, darunter die Muslimbrüder und Vertreter der Bewegung Muhammad Baradeis sowie kleinerer Oppositionsparteien und unabhängige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, tasteten sich am Sonntag mit Vizepräsidenten Omar Suliman in einem ersten Treffen ab. ...
Foto: spiegel.de/afp
Was .. Wann .. Warum .. Wohin .. - polis-Presseschau
von redaktion am 05.02.2011 10:53
Presseschau vom 05.02.2011

Alt und Jung gegen den Autokraten: Massenprotest am Freitag in Kairo
Was .. Wann .. Warum .. Wohin ..
Staunend teils ungläubig verfolgt die Welt seit 12 Tagen die Aufstände und Proteste in Ägypten. Die Medien sprechen von einer arabischen Revolution. Was passierte wann und vor allem warum? Wohin wird die Reise gehen? Hintergründe, Fakten, Geschichten, Ausblicke zu den Ereignissen.

fr-online.de
Ein Gefühl von Würde
So viel zur kommenden Generation in Ägypten, die gerade auf die Straße geht: Als sie am Dienstag, den 25. Januar, auf die Straßen ging, ging die Polizei mit äußerster Gewalt vor. Und was taten diese Jugendlichen? Sie verteilten Mülltüten, um den Müll einzusammeln, und säuberten den Platz. Eine eindeutige Botschaft. …

faz.net
Aufbegehren gegen die Misere
… Am Anfang des Aufstands gegen die alte Ordnung stand ein 26 Jahre junger Tunesier. Muhammad Bouazizi hatte sich in Brand gesteckt, nachdem Polizisten den Gemüsewagen konfisziert hatten, mit dessen Erträgen er sich selbst, seine Mutter und Geschwister durchs Leben brachte und allen eine Schulbildung ermöglichte. Auch in Ägypten war die wirtschaftliche Unzufriedenheit der Funke, der eine über viele Jahre aufgestaute Frustration entladen hat. …

spiegel.de
Sieben Tage Kampf für die Freiheit
Die Angst war mit dabei, doch die Hoffnung auf Wandel war größer: Der deutsche Professor Daniel Fetzner erlebte in Kairo den Aufstand gegen Husni Mubarak, sah die Barrikaden und Panzer, lief mit Bürgerwehren durch die Straßen. Für SPIEGEL ONLINE schrieb er Tagebuch über eine Woche der Extreme.

taz.de
Scheidung von Mubarak
… Präsident Mubarak will sein Volk immer noch nicht gehen lassen. Trotz der Massenproteste. Das gibt Nevine Sabry, 28, das Gefühl, eingeengt zu sein. Ein ähnliches Gefühl hatte sie schon erlebt, als sie sich von ihrem Mann scheiden lassen wollte. Der wollte sie auch nicht gehen lassen und hat sich stattdessen hinter Gesetzen verschanzt. Er ließ sie sechs Monate warten. Genauso wie Husni Mubarak jetzt das ägyptische Volk auf den Straßen zusammenschlagen lässt. Ein Nervenspiel. Auf Zeit. Wer zuerst aufgibt, hat verloren. …

sueddeutsche.de
Planspiele für das Vakuum
… Machtkampf ohne Ende: Die ägyptischen Regimegegner haben sich eingegraben, auf dem Tahrir-Platz, zu Zehntausenden. Im Präsidentenpalast aber will der angezählte Staatschef Hosni Mubarak nicht weichen. Auch der neue starke Mann, Mubaraks Vize Omar Suleiman, besteht darauf, dass der kaum noch in Erscheinung tretende Mubarak seine Regentschaft zu Ende bringen und "in Würde abtreten" könne. Das Regime will offenbar Zeit gewinnen, fordert deshalb eine "verfassungsgerechte Lösung". Die Anti-Mubarak-Front aber will erst verhandeln, wenn der Autokrat abgedankt hat: "Nieder mit Mubarak! Sofort!" Und die Armee? Sie verharrt zwischen den Fronten. Es fällt ihr schwer, die mit Steinen aufeinander stürmenden Gegner zu trennen. ...
Foto: spiegel.de/ap
Spiel mit dem Feuer
von redaktion am 03.02.2011 10:57
Spiel mit dem Feuer
von polis-Gastautor Thomas de Torquemada
Am heutigen Tage sind offensichtlich die Proteste in Kairo eskaliert – worden. Wie man hört,
zogen Anhänger Mubaraks durch die Stadt, es kam zu Zusammenstößen, besser
Straßenschlachten. Bei den Kundgebungen für Mubarak handelte es sich allerdings um alles
andere als eine spontane Bekundung von Sympathien für das Regime, sondern um das, was
man klassischer Weise unter den agent provocateur subsumiert.
Es wird berichtet, daß man bei Teilnehmern dieser Unterstützermärsche Polizeiausweise fand,
daß man Polizeifahrzeuge sah, die Molotowcocktails „an die Front“ transportierten.
Es spricht also viel dafür, daß diese regimefreundliche Gegenbewegung nichts anderes war als
von oben, durch Geheimdienst und Sicherheitsorgane organisiert, um Gewalt zu sähen,
Gewalt zu provozieren.
Daß dies ein Spiel mit dem Feuer ist, dürfte offensichtlich sein. Warum aber tut das Regime
dies? Bringt die Gewalt, die bürgerkriegsähnlichen zustände erst zum Ausbruch? Kann man
so dumm sein, diese Gefahr nicht zu erkennen?
Es ist alles andere als dumm, vielmehr ein Zeichen einer gewissen Verzweiflung, oder sogar
Ausweglosigkeit, das Regime hat keine andere Wahl, als diesen Schritt zu gehen.
Versetzen wir uns in die Lage hinein:
Die Rede Mubaraks, mit welcher er ankündigte, noch bis zum Ablauf seiner Amtszeit zu
bleiben, bewirkte alles andere als eine Beschwichtigung des Protestes. Die Idee hinter diesem
Bekunden ist natürlich allzu offensichtlich. Mubarak hoffte, man würde sich damit
zufriedengeben, nach Hause gehen, so daß er bis September Zeit gewonnen hätte, um seine
Kräfte, insbesondere das Militär wieder hinter sich und die Situation unter Kontrolle zu
bringen, hoffte, bis dahin würde dem Protest der Elan ausgehen.
Natürlich wurde der Aufstand damit nicht zum Verstummen gebracht, da jedem intuitiv
bewusst ist: entweder jetzt oder nie, sonst ist der Mantel der Geschichte vorübergeflogen und
diese historische Möglichkeit vertan. Ganz abgesehen davon, daß man nicht auf die Straße
gegangen ist, damit Mubarak seine „Legislaturperiode“ ordnungsgemäß zu Ende bringt und
dann in Rente geht – nein, es bedarf des historischen Zeichens, des Symbols, zum Erfolg des
Umsturzes: Mubarak muß sofort weg.
Dachte Mubarak, sein Entgegenkommen würde tatsächlich Erfolg haben und die Massen
befrieden, so muß man ihm wirklich unterstellen, daß er über dem Boden der Tatsachen
schwebt und naiv ist.
Unterstellt man ihm dies nicht, dann unternahm er diesen Schritt ganz bewusst, um
offenkundig seinen guten Willen, sein Entgegenkommen zu bekunden, um später einmal
behaupten zu können, an ihm habe es nicht gelegen, er sei zu einer geregelten Übergabe der
Macht bereit gewesen.
Sei es wie es sei, hinter diesem Anerbieten wird aber eines deutlich, daß das Regime nicht
anders kann, da es auf sein Militär, das einzig noch organisierte und funktionsfähige
Machtmittel nicht mehr bauen kann. Daß dies also Mubarak zwang, wenigstens halbherzig,
aus welchem der beiden Motive auch immer, auf die Protestbewegung zuzugehen. Fakt ist,
daß das Ziel dieser Rede nicht aufging, das Volk auf den Straßen blieb. Fakt ist aber auch, daß
zumindest neben dem Volk das Militär ebenfalls Adressat dieser Rede gewesen ist.
Was blieb also, nachdem dieses „freiwillige“ Anerbieten, mit Ablauf der Amtszeit zu
scheiden, nicht fruchtete und das Volk wieder zurück in die Wohnungen brachte, an
Handlungsalternativen?
Natürlich die für den Außenstehenden naheliegendste, die Konsequenzen zu ziehen und
abzudanken. Das dies aus Sicht Mubaraks natürlich keine Option ist, liegt auf der Hand.
Welcher Diktator tritt schon freiwillig zurück, gibt sich geschlagen, immerhin hat er viel zu
verlieren, bis hin zu seinem Leben.
Die letzte Alternative: Man versucht den Spieß umzudrehen, den schwarzen Peter der
Protestbewegung zuzuschieben, sie zu provozieren, damit sie sich zu Gewalttätigkeit
hinreißen lässt. Warum? Nebeneffekt ist die Verbesserung der moralischen Position in der
Selbstdarstellung: Seht her, wir haben nicht angefangen, es waren die anderen.
Natürlich kann man auch fingieren, daß es nicht nur Gegner gibt, sondern auch Unterstützer
des Regimes, um so nach innen wie nach außen ein Signal zu setzen.
Beides ist aber, wenn überhaupt, nur zweitrangig.
Die Zielrichtung ist eine andere, das Militär.
Dieses ist mehr als das Zünglein an der Waage, es ist der Faktor, welcher den Ausschlag
geben wird, wer am Ende den Sieg erringen und sich behaupten wird.
Das Militär aber steht derzeit scheinbar zwischen den Fronten. Es hat erklärt nicht auf die
Bürger zu schießen, seine Panzer stehen aber auf den Straßen und stellen eine latente
Bedrohung der Protestbewegung dar. Es rührt sich nicht, kann aber urplötzlich in der
Unberechenbarkeit der Situation anrollen lassen und den Aufstand in einem Blutbad
ertränken.
Für beide Seiten ist es also von exorbitanter Wichtigkeit, sich des Rückhaltes der Armee zu
vergewissern. Auch die Demonstranten wissen das, spüren dies instinktiv, klettern auf die
Panzer und suchen die Verbrüderung mit den Soldaten. Und schaut man in die Gesichter der
einfachen Soldaten, so sieht man denselben Ausdruck in ihren Augen wie in denjenigen ihrer
Kameraden auf dem Platz des himmlischen Friedens, auf den Straßen Moskaus, als die
Nomenklatura zu putschen suchte: Unsicherheit und Angst. Angst vor der Situation, dem
Adrenalin, das auf den überfüllten Straßen in der Luft liegt, Angst vor den Vorgesetzten,
Angst vor dem Befehl, der gegeben werden könnte, auf die eigenen Landsleute zu schießen.
Und je länger das Militär auf den Straßen ist, in direktem Kontakt mit den Demonstranten,
desto größer wird die Gefahr, daß sich die einfache Soldateska mit dem Protest, ihren Leuten
verbrüdert, außer Kontrolle gerät, den Gehorsam verweigert.
Das weiß die Generalität, sie weiß, daß sie kaum den Befehl zum Einschreiten geben kann,
ohne die Armee zu spalten. Allein schon deshalb hält sie sich zurück, um ihr Instrument, die
Armee intakt zu halten, um so bestimmender Faktor in diesem großen Spiel zu bleibe. Die
Armeeführung kann also kaum anders, sie steht nicht nur zwischen den Fronten, sie muß sich
faktisch heraushalten.
Was bleibt der politischen Führung also anderes übrig, sich der Unterstützung des Militärs zu
vergewissern, indem man die Armee zwingt, auf der eigenen Seite ins Geschehen
einzugreifen, und zwar so schnell als möglich, bevor der Virus des Protest in breiter Front auf
die Mannschaften übergesprungen ist.
Die organisierte Pro – Mubarak – Demonstration und die von ihr ausgehende Gewalt ist also
weniger Zeichen der Stärke, weniger ein Signal an den Gegner oder ans Ausland, um sich
seiner eigenen Kräfte zu vergewissern, als vielmehr Zeichen der Schwäche des Regimes.
Denn es ist der Versuch, die Gewalt in die Reihen des Umsturzes zu tragen, damit das Militär
gezwungen wird, Farbe zu bekennen, sich gegen den Umsturz zu stellen, den erhofften
provozierten Gewaltausbruch niederzuschlagen und damit das Regime zu retten. Das Militär
soll in eine alternativlose Lage gebracht werden, indem die Situation bewusst zur Eskalation
gebracht wird.
Ob die Rechnung aufgeht, werden die nächsten Tage zeigen. Zweifel sind aber bereits nach
diesem Tage angebracht, denn der Versuch war allzu offensichtlich und die Armee blieb in
beide Richtungen bisher vollkommen untätig. Dies dürfte wohl weniger als wohlwollende
Duldung der Angriffe der Regimeanhänger zu deuten sein, als vielmehr als unsicheres
Abwarten, da die Führung ahnt, wenn sie die falsche Seite wählt, die Kontrolle über die
eigene Truppe verlieren zu können.
Kairo
von redaktion am 03.02.2011 10:34
Kairo
von polis-Gastautor Philipp Freiherr von Brandenstein

von Brandenstein
In Kairo allein gestern mindestens 5 Tote. Der Pulitzer-Preis-Gewinner Nicholas Kristof von der New York Times beschreibt in seinem Blog die Aggressivität der Mubarak-Anhänger. Diese seien in Bussen herangekarrt worden und alle bewaffnet gewesen: mit Macheten, scharfen Rasierklingen, Baseballschlägern und Steinen. Er habe keine spontanen Proteste der Regimeanhänger erlebt, sondern gut organisierte Gruppen. Paramilitärische Banden, die mit Waffen und zu Pferde gegen unbewaffnete Demonstranten vorgehen. Maschinengewehrfeuer.
Nur zur Orientierung: Der Mann, der das zu verantworten hat, ist "unser Mann" in Kairo. Wir unterstützten ihn, da er im Westen als Hüter der Stabilität galt, manchen gar als Verteidiger westlicher Werte und Interessen. Die für Freiheit demonstrierenden Muslime und Christen hingegen, die unser Mann hier massakrieren lässt, sind diejenigen, vor denen Mubarak uns 30 Jahre schützen sollte.
Ob sich diese Schande jemals tilgen, ob uns dieser "realpolitische" Zynismus je vergeben wird? Natürlich bedeutet Außenpolitik auch die Wahrung von Interessen, nicht nur die Vertretung von Werten. Doch in der gegebenen Situation ist beileibe nicht mehr erkennbar, welche Interessen wir in Ägypten und nunmehr der gesamten arabischen Welt gewahrt haben. Der Westen hatte nur ein einziges Interesse: Stabilität. Verweht!
Um dieser Stabilität willen hat der Westen die abscheulichsten und korruptesten Potentaten gefüttert. Der Verlust des demokratischen Westens an Ansehen und moralischer Autorität ist verheerend. Könnten wir es einer neuen ägyptischen Regierung verdenken, wenn sie sich vom uns - den Zynikern- abwendet? Ohne Fatalismus schüren zu wollen, müssen ist die Möglichkeit gegeben, dass wir im Nahen Osten am Ende alles verloren und nichts gewahrt haben. Was also wurde durch die zynische Realpolitik überhaupt erreicht?
Die Bilanz ist katastrophal. Die Stützung der arabischen Potentaten war keine Außenpolitik, die zielgerichtet unsere Interessen und Werte verfolgte. Nicht einmal gute Realpolitik, sondern ein Fiasko. Wie sich die Dinge auch entwickeln mögen. Es wird dauern, bis wir diese Schuld getilgt haben und es wird uns etwas kosten. Ein Tag der Schande für uns alle!
Gewalt und Tote in Kairo - polis-Presseschau
von redaktion am 03.02.2011 10:04
Presseschau vom 03.02.2011

Trotz ihrer Verletzungen setzen die Regimegegner ihren Kampf gegen Mubarak fort.
Gewalt und Tote in Kairo
Das Mubarak-Regime lässt enthemmte Schlägertrupps auf seine Gegner los. In Kairos Sraßen herrscht blutige Gewalt. Vergangene Nacht sollen bis zu sechs Menschen gtötet worden sein. Oppositionsführer El Baradei appeliert an die Armee einzugreifen.

fr-online.de
Das Regime schlägt zu
… Einen Tag nach dem Millionen-Menschen-Marsch haben Schläger des Regimes von Husni Mubarak in Kairo Chaos und Anarchie angerichtet. Mit Messern, Knüppeln und Steinen gingen sie auf die friedlichen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz los. Mehr als 600 Menschen wurden verletzt, einige sogar getötet. Stundenlang waren Schüsse zu hören. …

faz.net
Machtkampf in Kairo dauert an
… Der Sender Al-Arabija hatte berichtet, vier Menschen seien in der Nacht durch Schüsse ums Leben gekommen. Der Sender berief sich auf Augenzeugen und Mediziner. Der britische Sender BBC berichtete, bei den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern von Husni Mubarak seien am frühen Donnerstag mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen. …

spiegel.de
Mubaraks Schergen rüsten sich für neue Schlacht
In Kairos Zentrum droht eine neue Eskalation: Immer mehr Demonstranten strömen auf den Tahrir-Platz - und an den Barrikaden sammeln sich Regimetreue. Das Militär versucht die verfeindeten Gruppen auf Abstand zu halten, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer. Verfolgen Sie die Ereignisse im Liveticker. …

sueddeutsche.de
"Wir sind bereit, hier zu sterben"
… Hunderte Verletzte, mehrere Tote, kein Ende der Gewalt: Im Zentrum Kairos toben blutige Straßenkämpfe zwischen Oppositionellen und Anhängern von Präsident Mubarak, inzwischen berichten Medien von Maschinengewehrsalven. Eindringlich appelliert Friedensnobelpreisträger ElBaradei an die Armee, Mubaraks Leuten Einhalt zu gebieten. ...
Foto: spiegel / afp
Re: Zeitspiel - polis-Presseschau
von redaktion am 02.02.2011 22:08trotzki,
dass wir alle im augenblick nicht wissen was genau passieren wird ist richtig!
eines aber ist sicher: es wird keine rückkehr zum mubarack-system geben! nicht einmal du solltest dir das wünschen.
ich möchte, dass der kampf der ägyptischen opossition in eine situation führt, die erst einmal offen für demokratische entwicklung/strukturen ist. sogar inclusive islamischer kräfte!
Wer haftet für Goldrausch in der Tiefsee?
von redaktion am 02.02.2011 20:20
Wer haftet für Goldrausch in der Tiefsee?
Hamburg/Berlin (rdp) - Wer haftet für die ökologischen Risiken von Rohstoffabbau in der Tiefsee? In dieser Frage hat der Internationale Seegerichtshof in Hamburg eine wichtige Grundsatzentscheidung getroffen. Demnach sind Staaten, die Förderlizenzen an private Unternehmen weitergegeben haben, nicht für eventuelle Umweltschäden durch das abbauende Unternehmen haftbar zu machen, wenn sie in der Regulierung ihrer Sorgfaltspflicht nachgekommen sind. Der WWF beurteilte die Entscheidung als „nicht weitreichend genug“. „Rund um den Globus laufen Vorbereitungen für den Run auf die Schätze der Tiefsee, die Risiken – und mögliche Kosten von Umweltschäden – sind unkalkulierbar. Daher sollte man die Staaten in die Verantwortung nehmen, um die Meeresumwelt zu schützen.“ sagte Christian Neumann, Meeresschutzexperte des WWF.
Um sicherzustellen, dass auch Entwicklungs- und Schwellenländer an der lukrativen Nutzung von Metallen und Mineralien aus der Tiefsee teilhaben können und gleichzeitig die notwendige Kompensation für mögliche Umweltschäden sicher zu stellen, hatte der WWF einen Haftungsfonds für den Tiefseebergbau gefordert. Einen solchen Fonds empfiehlt auch der Internationale Seegerichtshof, ohne ihn jedoch zur Pflicht zu machen. „Ein Haftungsfonds sollte geschaffen werden, bevor das Abenteuer Tiefseebergbau beginnt“, so Neumann weiter. Wenn Staaten und Unternehmen gemeinsam ein gutes Geschäft mit den natürlichen Ressourcen der Meere machen wollen, müssen sie auch die Verantwortung für die Geschäftsrisiken übernehmen“.
Der WWF begrüßte die Einschätzung des Internationalen Seegerichtshof, dass alle Staaten der gleichen Sorgfaltspflicht unterliegen, um die Risiken des Tiefseebergbaus zu minimieren. Die Staaten müssen die geltenden Bestimmungen des Seerechts und der Internationalen Seebodenbehörde in nationales Recht umsetzen. Diesem würden dann auch private Unternehmen unterliegen, die letztlich Rohstoffe aus dem Meeresboden fördern. „Mit dieser Verpflichtung wird es zumindest keine Billigflaggen im Tiefseebergbau geben, wie wir sie aus der Schifffahrt kennen“ sagte WWF-Experte Christian Neumann. Unternehmen kämen nicht in Versuchung, Förderlizenzen bei Staaten mit lascheren Umweltauflagen zu beantragen.
Nach Ansicht des WWF sind die ökologischen Risiken des Rohstoffabbaus in der Tiefsee erheblich. Häufig seien die Ökosysteme nicht an Eingriffe gewöhnt, und es ließe sich nicht vorhersagen, ob und wie sich die Lebensgemeinschaften erholen. Freigesetzte Giftstoffe und entstehende Sedimentwolken könnten für verheerende Folgen für das Leben der Tiefsee haben.
Der Abbau von Manganknollen in 4000 bis 5000 Meter Tiefe, kobaltreicher Krusten von Seebergen oder polymetallischer Schwefelverbindung an Schwarzen Rauchern verspricht angesichts der Preisexplosion am Rohstoffmarkt ein lukratives Geschäft. Allein im „Manganknollengürtel“ südlich des Äquators zwischen Mexiko und Hawaii lagern vermutlich zwei Milliarden Tonnen der wertvollen Knollen. Auch Deutschland hat sich bereits 2006 eine Lizenz zum Abbau der lukrativen Vorkommen in dieser Region gesichert. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bereitet die lizensierte Nutzung vor.
Deutsche Bank leidet unter Glücksspiel-Geschäften
von redaktion am 02.02.2011 19:39
Deutsche Bank leidet unter Glücksspiel-Geschäften
Frankfurt/Berlin (rdp/ots) - Nachhaltige Anleger verkaufen Aktien wegen des Kasino-Engagements in Las Vegas / Größtes deutsches Geldhaus aus Branchen-Indizes verbannt
Die Deutsche Bank hat Probleme wegen Glücksspiel-Geschäften. Das Institut verstößt gegen Regularien von nachhaltigen Fonds und Indizes, weil es in einen der größten Baukomplexe der amerikanischen Zocker-Metropole Las Vegas investiert hat. Wie Recherchen des Anlegermagazins 'Börse Online' (Ausgabe 06/2011, EVT 3. Februar) ergaben, flog die Aktie deshalb vergangene Woche aus sieben Subindizes der Dow Jones Sustainability Indices, der weltweit wichtigsten Familie nachhaltiger Börsenbarometer.
Zudem hat eine Reihe von Fonds die Papiere unter ausdrücklichem Hinweis auf das Glücksspiel-Engagement verkauft. Konkret geht es um die Meag, eine Tochtergesell-schaft des Rückversicherers Munich Re, außerdem um die DZ-Privatbank und SEB Asset Management.
Wie Medien berichten, hat die Deutsche Bank vier Milliarden Dollar in das Kasino-Hotel mit Namen Cosmopolitan gesteckt. Nachdem der ursprüngliche Betreiber insolvent geworden sei, habe das Institut das Projekt im Alleingang vollendet. Die Einweihung sei im Dezember erfolgt. Ein Sprecher der Deutschen Bank betonte, sein Haus sei bei Cosmopolitan lediglich Finanzinvestor und kein Betreiber.
Aus dem Fenster gelehnt
von redaktion am 02.02.2011 10:46
Aus dem Fenster gelehnt
von polis-Gastautor Thomas de Torquemada
Ägypten, Land der Pharaonen, bis zum heutigen Tag, Land zwischen Ost und West, nicht
Afrika, noch Asien.
Nun steht das Volk auf den Straßen und verlangt das Weichen des Pharao, seiner Familie,
seiner Clique, die sich Partei nennt.
Wo ziehst Du hin, Ägypten?
Für den Westen ist es klar: Stereotyp und monoton erschallt der Ruf, nun siege Demokratie
und Freiheit gegen Unterdrückung und Willkür, ebenso der Appell, die Konfliktparteien
mögen friedlich bleiben und auf Gewalt verzichten.
Ebenso aber spürt man hinter der offiziellen Kulisse das Unbehagen, welches sich breit
macht, ob der Ungewissheit und Unkenntnis, was da vor sich geht, was vor allem am Ende
herauskommt. Denn eins ist hinter diesen Kulissen gewiß, halbwegs zivilisierte Diktatoren
sind die zuverlässigeren Optionen als Unruhen, Volksaufstände und Revolutionen, so sehr
man ihnen auch den Wunsch nach Freiheit und Demokratie im westlichen Sinne in den Mund
legt.
Nun also, wo ziehst Du hin, Ägypten?
Keiner weiß es. Und dennoch gilt es, sich aus dem Fenster zu lehnen. Denn nur, wer
hinausschaut, erahnt, welches Wetter kommt, richtet sich ein, irrt sich oder behält Recht.
Fassen wir zusammen:
In Tunesien kochte die Volksseele hoch, der Funkenflug erreichte Ägypten und fachte einen
Schwelbrand an, der schon seit langem glimmt.
Es war die Unzufriedenheit, welche die Menschen auf die Straße brachte – wie stets, wenn
denn endlich das Volk sich entschließt, auf die Straße zu gehen. Die Unzufriedenheit mit
seiner wirtschaftlichen Situation, mit der Ungerechtigkeit der Verteilung von Reichtum und
Wohlstand, der Bündelung in der Hand einiger weniger, eben jener Clique, die sich Partei
schimpft aber eine mit Familienbanden verstärkte Oligarchie ist, die alles, was die Hebel der
Macht in die Hand gibt, politische Macht, Anhäufung unverschämter Reichtümer, Diktat des
Rechts, Beherrschung von Militär und Sicherheitsorganen, in ihrer Hand bündelte.
Und da nun einmal in der Oligarchie wirtschaftliche und politische Macht Hand in Hand
gehen, ist es nur natürlich, ja ein Automatismus, daß sich mit der Unzufriedenheit über die
wirtschaftlichen Verhältnisse, die pekuniäre Benachteiligung die Unzufriedenheit mit den
politischen Verhältnissen, der Unfreiheit und Bevormundung verband.
Es sind Hunderttausende, Millionen geworden, die jetzt auf die Straße gehen. Nachdem die
große Masse erkannte und verspürte, daß der herrschenden Kaste die Kraft und der Mut
fehlte, ja diese Kaste sich ihrer selbst nicht mehr sicher wahr, die ersten Mutigen, die sich
zum Protest hochstemmten, aus dem Verkehr zu ziehen und verschwinden zu lassen, da setzte
der Sogeffekt ein, der Übermut, der Instinkt der Nase, die riecht, wenn die Herrschaft wankt,
die riecht, daß die Gefahr des Protestes geringer ist als das Gefühl des Unmutes. Und in einer
sich selbst befruchtenden Spirale zog die wachsende Masse immer stärker anschwellende
Massen vor die Tür. Und erneut bewahrheitet sich das, was jede Revolution, jeden Umsturz
ausmacht: Es ist nicht die kleine, radikale, zu allem entschlossene Gruppe, der es mit Gewalt
gelingt, ein System zu destabilisieren und aus dem Sattel zu heben. Vielmehr ist es das
System, welches sich schon selbst destabilisiert hat und niemanden mehr findet, keinerlei
Anziehungskraft mehr aufbringt für solche, die noch bereit sind, sich für es einzusetzen, den
Kopf hinzuhalten und es zu verteidigen. Noch bevor der erste Schuß fällt, sind seine Stützen,
die Sicherheits- und Ordnungskräfte desertiert und von den Fahnen gegangen. Schon beim
ersten Schuß zeigen sich ungeahnte Auflösungserscheinungen, die aber schon längst unter der
Oberfläche schlummerten. So sah man den tunesischen Diktator Ben Ali plötzlich, sang und
klanglos ins Ausland verschwinden, wo er doch wenige Stunden zuvor noch so fest im Sattel
zu sitzen schien (wahrscheinlich, weil ihm zuvor deutlich gemacht worden war, daß niemand,
insbesondere das Militär bereit sei, noch einen Schuß Pulver für ihn abzugeben). So
verschwand der Zar 1917 kampflos in Tobolsk und Jekaterinburg, obwohl in Petrograd
ausreichend Kosaken standen, die Demonstrationen auf den Straßen auseinanderzutreiben –
allein die Kosaken wollten nicht mehr, weil ihnen das System über war und sie keinen Sinn
mehr darin sahen. Ebenso verflüchtigten sich 1918 die Bundesfürsten des Deutschen Reiches
wie Rauch in der Luft, obwohl nur vier Jahre zuvor das monarchische Prinzip noch festgefügt
wie Granit erschien, sobald ein Bürger nur zaghaft an das Schloßportal klopfte (die
schimmernde Wehr hatte ebenso die Lust verloren, den Kopf hinzuhalten). Und auch die SED
verabschiedete sich wie ein Spuk aus der Geschichte, ohne daß der riesige Apparat der
Staatssicherheit auch nur noch einen Finger für sie krumm machte.
Nun also Ägypten. Dasselbe Bild. Die Polizei hat sich verflüchtigt, aufgelöst. Es wird sogar
spekuliert, daß sie schnell noch die Schätze in den Museen plünderte, bevor sie die Uniformen
wegschmiss. Und das Militär – die einstige Stütze des Regimes, welches den König
wegputschte, Nasser zum Kopf der arabischen Liga machte, die israelfeindliche, aggressive
Politik mittrug, die Schmach des 6 – Tage – Kriegs überlebte, die Selbstachtung und den
Respekt im Yom – Kippur – Krieg wiederfand, den Wandel Saddats vom Krieger zum
Realpolitiker mittrug, und Mubarak den Übergang in eine scheinbare Normalität ermöglichte,
in welcher das Regime fett und behäbig wurde, an Strahlkraft und Glaubwürdigkeit verlor bis
zu Karrikatur – nun also, dieses Militär erklärte, nicht auf die Bürger zu schießen. Sicherlich
nicht, weil Mubarak das Militär aufforderte, dies zu unterlassen und es öffentlich zu erklären.
Nein, umgekehrt, weil das Militär Mubarak die Pistole auf die Brust gesetzt hat und sich
verweigert hat, für das Regime noch einen Schuß Pulver abzufeuern, weil das Militär nicht
mehr bereit ist, die herrschende Klasse zu tragen oder zu verteidigen.
Und gleichzeitig macht dies deutlich, wer das eigentliche Sagen im Staat hat, wer die Macht
hat, die Zukunft Ägyptens zu bestimmen.
Was wird geschehen, wie wird es weitergehen? Klar ist, daß es nur eine Frage der Zeit, und
zwar einer recht kurzen Zeit ist, bis Mubarak erkennt und einsieht, daß sein Spiel vorbei ist,
daß er ausgespielt hat. Wie man vernimmt, haben die Reichen bereits Hals über Kopf das
Weite gesucht, Mubarak wird in kürze folgen und irgendein anderes arabisches Land finden,
welches ihn als Exilanten aufnimmt und ihn die Reichtümer, die er retten konnte, genießen
lässt.
Und mit diesem Zeitpunkt werden die Probleme des Landes erst beginnen. Der Deckel über
dem dampfenden Topf ist geöffnet und es brodelt. Was die Bewegung auf den Straßen derzeit
zusammenhält ist nur eines, der kleinste gemeinsame Nenner: Mubarak muß weg, sein
ganzes, abgehalftertes System muß weg. Mit Kompromissen wird man sich nicht zufrieden
geben. Und sicherlich wird jeglicher Versuch, sich zu winden, um einen Rest an Macht zu
bewahren, hinter den Kulissen vom Militär unterbunden werden, welches der alten Clique
klarmachen wird, daß man auf seine Bajonette nicht mehr bauen kann. So bringt sich das
Militär als einziger, intakter Ordnungsfaktor des Landes geschickt in Position:
Faktisch übernimmt es die Macht und macht deutlich, daß ohne es oder an ihm vorbei nichts
und niemand handeln kann. Zudem behält es eine weiße Weste, indem es darauf verweisen
kann, die demonstrierenden Zivilisten geschützt zu haben, und durch seine Verweigerung die
Oligarchie erst recht aus den Angeln gehoben zu haben.
Ist nun also das alte, morsche beseitigt, der gemeinsame Feind vertrieben, damit aber auch der
kleinste gemeinsame Nenner weggefallen, steht das Schicksal Ägyptens an der Wegscheide.
Erst jetzt werden sich zwischen den einzelnen Gruppen, Strömungen, Richtungen der
Protestbewegung die Differenzen, Unterschiede und Klüfte zeigen und auftun. Erst dann
werden die unterschiedlichen Bewegungen, die hinter Unmut und Protest stehen, Profil
gewinnen – und sich zu profilieren suchen. Denn ab nun zählt es, die günstigen
Ausgangspositionen zu gewinnen, die Hausmacht zu bilden, die den entscheidenden Vorteil
verschafft, da es gilt, den Preis zu gewinnen, der allein zählt, die Macht im Lande.
El Baradei wird zunächst Hoffnungsträger sein, im Lande selbst wie im westlichen Ausland
(Dort ist er bekannt, als einziger, und berechenbar als bekannte Größe im westlichen Sinne, da
er an der Spitze der internationalen Atombehörde stand. Und das wird ihn für den Westen
verführerisch machen, auf ihn als einzige Figur in einem Spiel mit vielen Unbekannten zu
setzen, und den Keim des Fehlers des Westens in sich tragen, alles auf einen – und vielleicht
deshalb auf den falschen – zu setzen).
Er wird versuchen, eine Übergangsregierung zu bilden, die möglichst auf ein breites
Fundament gegründet sein soll, um der sich hieraus entwickelnden zukünftigen Ordnung ein
Höchstmaß an Legitimation mit auf den Weg zu geben. Es zeichnet sich ab, ohne auf die
vielfache Friktion der Protestbewegung im Detail eingehen zu wollen, daß zwei Strömungen
die beherrschenden sind: Eine eher säkulare Seite des Protests und eine eher religiös geprägte.
Wahrscheinlich ist die säkulare Seite derzeit die etwas stärkere mit der größeren
Anhängerschaft.
Die religiös geprägte aber wird wahrscheinlich die Seite sein, welche die größere Kraft
aufbringen wird, da sie den radikaleren Willen zur Macht und Umgestaltung der Verhältnisse
mit sich bringt, stärkere innere Bindung mit sich bringt, besser organisiert ist und das Leben
im Untergrund, im Geheimen kennt. Die säkulare Seite wird eher zufriedenzustellen sein,
sobald die Minimalziele erreicht sind, ein Mindestmaß an Wohlstand und Freiheit. Ist das aber
erreicht, zerfällt die Einheit in sich gegenseitig befehdende Fraktionen.
El Baradei jedenfalls wird darauf achten, nicht allein die säkularen Kräfte, sondern auch die
religiösen einzubinden – und diese damit, die bislang geächtet und verboten waren,
notgedrungen hoffähig machen und aufwerten.
Der weitere Weg wird sein, daß alle sich bildenden Fraktionen versuchen werden, ihren
Einfluß auszubauen. Und wahrscheinlich werden auch ausländische Interessen versuchen,
hierauf einzuwirken. Mit Sicherheit wird der Westen versuchen, wenigstens mittelbar die
Säkularen zu stärken. Und wahrscheinlich wird selbst Israel dies tun. Je stärker jedoch die
westliche, insbesondere israelische Einflussnahme sein wird, desto stärker wird dies die
unterstützten Säkularen desavouieren, die Religiösen aber aufwerten. Dies umso mehr, wenn
der erhoffte Erfolg, das dem Protest als ursprüngliche Triebfeder innewohnende Versprechen,
die Umverteilung und Gewährung von Wohlstand, nicht in Erfüllung treten wird. Und die
Gefahr hierfür ist groß, ja zeichnet sich sogar bereits ab:
Die große Devisenquelle, der Tourismus, reagiert ausgesprochen empfindlich und
hochnervös. Voraussetzung für das Wohlbefinden des Pauschaltouristen ist die träge,
volkaskoumsorgte Sorglosigkeit. Ist diese gefährdet, kommt er nicht mehr, allein schon aus
Angst, für das gezahlte Geld entweder keine oder keine in seinem Sinne mangefreie Leistung
zu erhalten. Erinnere man sich, welche Auswirkung auf den ägyptischen Massentourismus
allein die vereinzelten Anschläge im Tal der Könige hatten, so kann man sich vorstellen, was
eine latent unsichere politische Lage mit sich bringen wird.
Aber nicht nur der Tourismus bringt ein wirtschaftliches Problem, stärker noch wird sich
auswirken, was jetzt schon ansetzt: Die Abwertung der Kreditwürdigkeit Ägyptens, die damit
einhergehende Abwertung ägyptischer Wirtschaftskraft, die Abwertung der ägyptischen
Währung, gefolgt von der Verteuerung der Importe, erhöhter Inflation und wiederum
Verteuerung der Grundnahrungsmittel – in einem Land, in welchem bereits in ruhigen Zeiten
das alltägliche Überleben für viele einem Kampf gleichkam.
Je länger also die moderaten Kräfte benötigen werden, die Situation unter Kontrolle zu
bringen, zu stabilisieren und das dem Aufstand inneliegende Versprechen auf allgemeinen,
bescheidenen Wohlstand einzulösen, desto stärker und schneller wird deren Unterstützung
erodieren. Oder anders gesagt: Mit zunehmender Zeit ohne spürbaren, schnellen Erfolg, desto
destabilisierter wird die Lage, desto stärker wird die Bewegung zu den religiösen Kräften der
Muslimbruderschaften. Die Zeit wird also gegen die vom Westen favorisierten Kräfte
arbeiten.
Je instabiler die Lage aber werden wird, umso stärker wird die weltpolitische Bedeutung
Ägyptens, umso stärker wird der Westen versuchen, seine Verbündeten im Land zu
unterstützen, während die religiösen Kräfte selbstredend ebenfalls Verbündete und
Bundesgenossen in der arabischen Welt finden werden. Denn eines unterscheidet das Land
von vielen anderen. Durch Ägypten zieht sich eine Hauptschlagader der Weltwirtschaft, der
Suezkanal. Allein deshalb ist es offensichtlich, daß die diversen Gegenspieler der Weltpolitik
den Entwicklungen in Ägypten nicht untätig zuschauen werden, Israel schon gar nicht, da die
Entwicklung, gar Destabilisierung der Region für Israel von elementar lebenswichtiger
Bedeutung ist.
Je instabiler und gefährlicher die Lage für die Halsschlagader Suezkanal aber werden wird,
desto wirtschaftlich nachteiliger wird sich dies gegen das Land wenden – und damit in einem
circulus vitiosus die Erschütterung Ägyptens weiter verstärken.
Die gerade entstehende Lage ist also hochbrisant und öffnet ein weites Feld an Möglichkeiten,
Fehler zu begehen. Und wie Geschichte und menschliches Leben lehren, werden Fehler, die
zu begehen möglich sind, auch begangen.
Je stärker aber die religiösen Kräfte werden sollten, desto stärker wird auch das Militär
gezwungen sein, zu intervenieren, und Farbe zu bekennen. Wie bereits weiter oben gezeigt, ist
das Militär nicht nur das Zünglein an der Waage, sondern die ausschlaggebende Kraft und
einzig intakt geblieben Ordnungsmacht im Staate, ja selbst in subjektiv – moralischer Sicht
der Dinge, indem es sich faktisch eindeutig auf die Seite der Aufständischen gestellt hat.
Sollten die Verhältnis im Lande aber, wie oben beschrieben, sich weiter destabilisieren, wird
kaum anzunehmen sein, daß das Militär, welches in ununterbrochener Tradition seit 1952,
dem Militärputsch gegen das korrupte Regime des letzten Königs die Geschicke Ägyptens
einmal mehr, einmal weniger, einmal eher aus dem Hintergrund, ein ander mal im
Vordergrund bestimmte, dem tatenlos zuschauen wird. Im Gegenteil, es wird gezwungen sein,
aktiv zu werden und Farbe zu bekennen.
Die Wahrscheinlichkeit, daß sich das Militär bei Erstarkung religiöser Kräfte gegen diese
wenden wird und eine Islamisierung Ägyptens nicht hinnehmen wird, dürfte dabei die weitaus
höhere sein als eine Solidarisierung. Denn trotz des jahrzehntelangen Kampfes gegen Israel ist
das Militär säkular geprägt, die Motive dieses Kampfes sind eher weniger religiöser Natur. So
sei darauf verwiesen, daß zu Hochzeiten dieses Kampfes Ägypten sich zu den sozialistischen
Ländern und den Verbündeten der Sowjetunion zählte – ganz ähnlich der sozialistischen
Baathpartei in Syrien oder Saddam Husseins im Irak, die ein säkulares areligiöses Regime
produzierte und den Islam nur instrumentalisierte, wenn es darum ging, Kräfte im Kampf
gegen äußere Feinde zu mobilisieren.
Denn zudem müsste das Militär bei einer Islamisierung der Gesellschaft befürchten, Kontrolle
zu verlieren, da über die religiösen Kräfte ausländische Mächte in Form bereits islamisierter
Länder verstärkt Einfluß auf die ägyptischen Interna nehmen würde.
Zudem stehen Länder wie Iran Vorbild, als dort die Hausmacht des Militärs durch religiös
motivierte paramilitärische Formationen Zug um Zug weiter zurückgedrängt wurde.
Zuletzt sei zu erwähnen, daß das Militär zwar der politischen Führung die Gefolgschaft
aufgekündigt hat, nichtsdestotrotz aber zu den Profiteuren dieses Regimes zählt, da die
militärische Führung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Versuchung nicht
widerstehen konnte, sich die Loyalität gegenüber Mubarak und Co. bis zuletzt vergolden zu
lassen. Kämen die religiösen Kräfte zum Zuge, wäre die Konsequenz ein nicht zu
gewinnender Rechtfertigungszwang einhergehend mit Macht-, Ansehens- und
Vermögensverlust. Der natürliche Feind des Militärs dürften also die religiösen Kräfte im
Land sein, der natürliche, wenigstens Zweckverbündete die säkularen Kräfte in welcher
Fraktionierung auch immer.
Das sich hieraus erhebliches Spannungs- und Konfliktpotential aufbaut, liegt auf der Hand,
gerade dann, wenn wie oben bechrieben, aus genannten Gründen, den Effekt auslösend und
verstärkend die Unterstützung der Religiösen zunehmen wird.
Es ist also zu befürchten, daß sich eine Konstellation ergibt, auf deren einer Seite die
Säkularen, „bürgerlichen“ Kräfte im Bündnis mit dem Militär stehen, auf deren anderer Seite
die Religiösen, sich zunehmend radikalisierenden Kräfte formieren, wobei sich das derzeit
noch bestehende Kräfteverhältnis mit zunehmender Zeit zugunsten der Waagschale der
Religiösen neigen wird. Dieses Spannungsverhältnis im Ringen um die Macht und
Gestaltungsmöglichkeit in Staat und Gesellschaft wird sich wohl zunehmend weiter aufbauen,
verstärken und in unüberbrückbaren Gegensätzn profilieren. Wenn auch das Militär sich
weitestgehend, die eine Seite duldend unterstützend zurückhalten wird, so muß damit
gerechnet werden, daß es ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr untätig zuschauen kann
(wie so oft schon in der jüngeren ägyptischen Geschichte): dann nämlich, wenn die
Religiösen davorstehen sollten, die Macht im Staate zu ergeifen.
In diesem Falle muß also mit einem Eingreifen der Armee in die politische Gestaltung
Ägyptens gerechnet werden.
Wie also ebenso oft in der Geschichte, so wird es wohl auch jetzt so sein, daß der Umsturz,
die eigentliche Revolution selbst relativ unblutig verläuft und das „ancient regime“ recht
unspektakulär und widerstandslos in sich zusammenklappt, jedoch die „Nachbereitungsphase“
die Selbstfindungsphase des Umsturzparteien und –fraktionen in die eigentliche blutig –
chaotische Auseinandersetzung mündet.
Was also zu prognostiziern ist – und hiermit ist das „Aus dem Fenster lehnen“ angesprochen –
ist die Gefahr und die hohe Wahrscheinlichkeit eines vom Militär mitinitiierten,
mitgetragenen Bürgerkrieges zwischen säkularen und religiösen Kräften, an dessen Ende alles
andere als das Wolkenkuckucksheim einer westlichen Demokratie steht, sondern wohl eher
eine Militärdiktatur, zumindest aber ein System, das stark der frühen atatürkschen Republik
ähnelt, in welcher das Militär sich als hinter der zivilen Ordnung stehenden Wächter sieht,
welches – Staat im Staate – die säkulare Organisation der Gesellschaft garantiert (ohne einen
Widerspruch darin zu sehen, siehe Türkei, gleichzeitig insbesondere christliche Minderheiten
zu unterdrücken), und sich als über und außerhalb der Verfassung stehend vorbehält, dann,
wenn es notwenig erscheint, regulierend einzugreifen. Es wird also bei der seit 1952
begründeten Tradition bleiben, daß die hinter den Kulissen wirkende, stärkste gestaltende
Kraft das Militär bleibt, lediglich, allerdings mit erheblichen Brüchen und Friktionen, die
zivile Regierung als Aushängeschild ausgetauscht wird.
Wie sich allerdings diese Übergangszeit insbesondere auf uns auswirken wird, zeichnet sich,
bereits weiter oben angedeutet, ebenfalls jetzt schon am Horizont ab: Der Ölpreis steigt, wird
weiter steigen, je näher das Problem an den Suezkanal und an die ölfördernden Länder
heranrücken wird und den Nahen Osten zu destabilisieren droht. Und damit wird dieser uralte
Konflikt im Land der Pharaonen die Probleme unserer Ökonomie, unserer Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung, welche 2006 beginnend durch die Finanzkrise aufgedeckt wurden,
nach wie vor weiterschwelen, wieder anfachen und verschärfen: die Überschuldung der
Länder, der Wirtschaft, der Privaten, die Vergreisung des Westens, die Verteuerung des
Lebens durch Verteuerung von Rohstoffen.
Weit genug aus dem Fenster gelehnt, warten wir ab, was da kommen wird.


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